August 6, 2009
Zugbefindlichkeiten
19.07., 13 Uhren
Eigentlich hatten wir diese Zugfahrt von Chengdu (Sichuan) nach Jiayuguan (Gansu) im bequemen Nachtzug machen wollen. Die Tickets hatten wir rechtzeitig im Voraus gekauft, hard sleeper, der aber viel weicher ist, als der Name anmutet. Diesen Luxus durfte ich schon in einer Uebernachtfahrt erfahren: mit frisch bezogenem Bettzeug, immer heissem Teewasser, Teppich und sogar Tischdecken. Also wuerden diese 33h im Zug gar kein Problem. Am Bahnhof von Chengdu angekommen, hiess es dann, der Zug habe 5h Verspaetung. Um Mitternacht gab es diesen Zug dann ploetzlich gar nicht mehr. Uns wurde das gesamte Ticketgeld in die Hand gedrueckt und da standwir also ohne Zug und ohne Hotelzimmer mitten in der Nacht auf dem Bahnhof. Am naechsten Morgen zurueck zum Bahnhof, um erneut zu versuchen, ein Ticket zu kaufen. Zugfahrkarten kaufen ist in China allerdings wahrlich kein Vergnuegen. Man stelle sich eine Halle mit Hunderten Menschen vor, die sich in Dutzenden Schlangen draengen, um nach ewiger Wartezeit am Schalter vielleicht das Ticket zu bekommen, das sie wollten, wenn sie nicht vom Hintermann vorher weggeschoben werden. Sitzen ist in dieser Halle offensichtlich auch nicht erlaubt, zumindest lassen das die wuetenden, ohrenbetaeubenden Durchsagen ueber Lautsprecher vermuten. Als Auslaender, der weder die Anzeigetafeln lesen noch mit der Dame hinterm Schalter kommunizieren noch die bedrohlichen Druchsagen verstehen kann, hat man es natuerlich nicht unbedingt leichter.
Irgendwie fanden wir nach dreimaligem Schlangestehen an verschiedenen Schaltern heraus, dass es auf unserer Strecke so starke Regenfaelle gegeben hatte, dass erstmal gar keine Zuege mehr fuhren. Und wenn sie dann wieder fahren wuerden, in unvorhersehbarer Zeit, dann waeren sie sowieso erstmal tagelang ausgebucht, denn wir waren ja nicht die einzigen, die in Chengdu feststeckten. So schoen die Stadt auch ist, nach 5 Tagen wollten wir einfach nur noch weg und unsere Reise Richtung Norden fortsetzen. Nach langem Ueberlegen entschieden wir uns, mit unseren Prinzipien zu brechen und eine kurze Strecke zu fliegen, um die unbefahrbare Zugstrecke zu umgehen. Ein weiterer Nachtbus kam nicht in Frage. Eine durchwachte Nacht in Busminibetten (Graham verlaengerte sich zwei dieser Betten zu einem, um reinzupassen) reicht mir auf dieser Reise.
Deshalb zwei Tage spaeter der Flug von Chengdu nach Xi’an. Dort angekommen dann direkt zum Bahnhof, um uns fuer den gleichen Abend noch Zugtickets zu besorgen. Natuerlich war, wie erwartet, alles ausgebucht. Aber es gibt ja noch die Moeglichkeit, ohne Platzkarte zu fahren. Im Zug rennt man dann angeblich sofort zum Schaffner, um sich ein oder zwei Klassen hochstufen zu lassen und somit doch noch ein Bett zu ergattern. Hatte bei Graham zumindest sonst immer geklappt. Leider wollte keiner der Schaffner etwas von bupiao (upgrade) hoeren. Also rein in den bereits uebervollen Zug – und am liebsten waere ich sofort wieder rueckwaerts rausgerannt. Hunderte Menschen in ein Abteil gequetscht – in einer Stadt, wo auch abends um halb 10 noch 37 Grad herrschten – erzeugten wahrscheinlich 50 Grad und eine Luftfeuchtigkeit jenseits von gut und boese. Der Schweiss lief nur so, nirgendwo Platz fuer unser Gepaeck oder uns, die Aussicht auf 18h im Stehen – ich wuenschte mich nur noch weg. Doch Graham blieb eisern: Wir fahren jetzt erstmal los, aussteigen koennen wir spaeter immer noch. Erinnerungen an eingequetschte Stunden in indischen Zuegen kamen hoch und wollten mir die Vorstellung einfach nicht versuessen. Nach einer Ewigkeit begann der Schweiss dank Fahrtwind zu trocknen. Doch an jedem Bahnhof stiegen mehr Leute zu, die sich gerade noch durch die Zugtuer quetschen konnten. Noch nicht mal in den Speisewagen wollten sie uns mit unserem 3. Klasse-Ticket lassen! Und seltsamerweise setzte sich auch keiner der Chinesen auf den Boden, so wie wir das aus Indien kannten. Erwartete man wirklich von uns, die ganze Nacht durch zu stehen!?
Ein Mann sah uns wohl unser Leiden an und wollte uns zwei Sitzplaetze verkaufen. Woher er die nehmen wollte, wurde allerdings nicht ganz klar und das Angebot somit als dubios ausgeschlagen. Woraufhin ein weiterer Mann aufstand und mir seinen Sitzplatz zur Verfuegung stellte, er wollte mit einem mitgebrachten Minihocker Vorlieb nehmen. Von dieser Idee war er auch nicht abzubringen und schliesslich nahm ich das Angebot dankbar an. Diesem mongolisch-staemmigen Chinesen hatten wir spaeter ausserdem die Aufmerksamkeit des gesamten Abteils zu verdanken, als er mit einem mehrkoepfigen Uebersetzertrupp anrueckte, um uns sehr persoenliche Fragen zu stellen – zur grossen Erheiterung aller Umhersitzenden.
Irgendwie haben wir die Nacht dann rumgekriegt, nicht schlafend, aber immerhin ab und zu doesend. Von Ruhe konnte sowieso keine Rede sein, dafuer sorgte schon der Abteilvorsteher mit seinen Kontrollgaengen aller 5min. Im Bruellton werden Reisende zurechtgewiesen, die ihre Tasche falsch verstaut haben, ihren Muell nicht richtig entsorgen, ein Taschenmesser benutzen (Graham!), das Fenster zu weit oeffnen oder zu viel Spass haben (der Mongole und sein Uebersetzertrupp mit uns). Ausserdem gehoert zu den Pflichten eines Abteilvorstehers das scheinbar stuendliche Muell einsammeln, kehren und wischen – und wehe man hebt die Fuesse nicht schnell genug! Ab und zu hat er noch ein paar uniformierte Polizisten im Schlepptau, die einfach nur streng gucken oder nach den Ausweisen fragen oder voellig willkuerlich Leute Formulare unterschreiben lassen. Wenn man nur wuesste, was all diese mysterioesen Vorgaenge zu bedeuten haben!
Waehrend ich das schreibe, haben wir ca. 16h Fahrt hinter uns und sind bald in Jiayuguan, wo wir uns den letzten Abschnitt der Chinesischen Mauer ansehen wollen. Der Zug hat sich nach und nach geleert und wir haben mittlerweile beide einen Sitzplatz, nachdem Graham einen Teil der Nacht auf dem Boden liegend verbracht hat. In diesen 16 Stunden hat jeder chinesische Mitreisende ca. 3 Riesentoepfe Fertignudeln konsummiert. Nudeln gehen immer, ob als Fruehstueck, Mittagessen oder Snack zwischendurch. Und zum Glueck hat ja sogar die niedrigste Zugklasse in jedem Abteil einen Heisswasserbehaelter – fuer den unverzichtbaren gruenen Tee und eben Nudeln.