08.30.09

Stillstand auf der Seidenstrasse

Posted in Uncategorized at 2:00 pm by silkroutes

Nukus, 20.8., 20 Uhr

Der letzte Eintrag blieb unvollendet, doch es gibt noch so Einiges, was sich ueber Uzbekistan schreiben laesst. Nach mehr als einer Woche hier habe ich das Gefuehl, fast das gesamte Land zu kennen, was flaechenmaessig auch fast der Wahrheit entspricht. Wir haben das Land fast vollstaendig von Osten nach Westen durchreist, was dank eines guten Zugnetzes moeglich ist. Von der Hauptstadt Taschkent im Nachtzug nach Bukhara. Von Bukhara im Schnellzug nach Samarkand: aus Versehen haben wir wohl 1. Klasse-Tickets gekauft und konnten uns 3h lang in Sesseln wie im Flugzeug, nur mit noch mehr Beinfreit, ausstrecken. Leider wurde man allerdings von einer uzbekischen Tanzshow zugedroehnt, die auf den meisten Bildschirmen der anderen Reisenden in voller Lautstaerke lief. Das war dann doch zu viel des Komforts. Von Samarkand ging es am naechsten Tag weiter per Nachtzug nach Khiva. Diesmal in der billigen 3. Klasse platzkartny. Das Wort wurde natuerlich einfach aus dem Deutschen geklaut, was einem allerdings noch keinen Sitzplatz (geschweige denn Liegeplatz, was es eigentlich bedeuten soll) sichert. Als wir nachts um halb 1 in Samarkand zusteigen wollten, wimmelte uns der Wagenvorsteher gleich ab: Hier gibts nur noch ein Bett. – Aber, aber … wir haben doch hier zwei Platzkarten, fuer eben jenen Waggon. – Aber hier gibts trotzdem nur noch ein Bett. Und so weiter, hin und her, ca. 20min auf dem Bahnsteig, bald wuerde sich der Zug in Bewegung setzen, mit oder ohne uns. Nachdem dann auch noch ein Zugpolizist und ein paar weitere Wagenvorsteher zu Rate gezogen wurden und das halbe Abteil aufgeweckt war, wurden wir schon mal in den Zug gebeten und durften uns auf das eine, angeblich freie Bett setzen. In dem schlief aber vorher ein Maedchen. Wo die dann die Nacht verbrachte, weiss ich nicht. Nach langer Beratschlagung unter Wagenvorstehern wurde dann ein Typ geweckt, der (schuldbewusst?) das Bett verliess und fuer den Rest der Nacht mit dem Gepaeckregal Vorlieb nahm. So kamen wir also tatsaechlich noch an zwei Platzbetten, natuerlich mit viel zu wenig Platz, zumindest fuer Grahams lange Beine.

Samarkand, Bukhara und Khiva sind die klassischen Seidenstrassenstaedte, die ausser uns auch noch von ganzen Busladungen voller Reisegruppen abgeklappert werden. Vorzugsweise aus Frankreich und Italien und aelteren Jahrgangs (daher vielleicht das Interesse fuer Geschichte?). Diese alten Staedte sind wunderschoen, es reiht sich eine blau gefliesste Kuppel an die andere, Moscheen und Mausoleen machen einander Konkurrenz und aus jeder Gasse weht einem der Wind von Geschichtstraechtigkeit entgegen. Andererseits: hat man eine Stadt gesehen, ist die 2. irgendwie keine grosse Ueberraschung mehr und die 3. kippt einen erst recht nicht aus den Latschen. Vielleicht liegt das ja auch nur an unserem mangelnden Geschichtsverstaendnis oder -interesse. Nach Sonnenuntergang kann man in diesen Altstaedten dann hoechstens auf den hochgeklappten Buergersteigen promenieren und von kulinarischen Genuessen will ich erst gar nicht berichten. Muss ich aber, denn es ist einfach skandaloes! Am erbaemlichsten: Samarkand, Touristenziel Nr. 1 in Uzbekistan. Es hat ganze 2 (in Worten: zwei!) so genannte Restaurants fuer die Scharen an Touristen zu bieten. Den Namen Restaurant verdienen diese noch nicht einmal, es sind auch nur chaikhanas, die neben Tee ca. 3-4 (Fleisch)Gerichte zu bieten haben. Das sind natuerlich die gleichen vier Gerichte, die man auch im Rest von Uzbekistan angeboten bekommt, wie auch schon in Kirgistan und wahrscheinlich auch noch in Kasachstan. Nach China und seiner abwechslungsreichen Kueche ist Zentralasien ein kulinarischer Reinfall! Als Vegetarier befindet man sich hier sowieso auf einer wochenlangen Hungerstrecke, die wahrscheinlich noch bis Mitteleuropa andauern wird. Meine taegliche Kost: Brot und salat turist, bestehend aus Tomaten und Gurken, manchmal sogar mit Dill verfeinert! Zum Fruehstueck lasse ich den Salat einfach weg und tunke mein trocken Brot (langweiliges, weisses Fladenbrot) in Tee. Ein taeglicher Hochgenuss! Da stoert es mich noch nicht einmal, dass ich wegen anhaltender Verdauungsprobleme seit Tagen sowieso nur trocken Brot essen kann … verpassen tu ich hier nix!

Alltaegliche Reibereien sorgen dafuer, dass man das Reisen nicht unbedingt immer als Erholung empfindet. Dazu gehoert, dass man als westlicher Tourist automatisch als Dukatenesel betrachtet wird, dem mindestens das Doppelte an Preisen abgeknoepft werden kann. Also muss man staendig streiten und kaempfen, um auch nur annaehernd so viel wie Einheimische zu bezahlen – und gibt meistens vorher auf. Besonders nervig sind Taxifahrer, die wir eigentlich zu vermeiden versuchen. Doch dank eines quasi nicht existenten Busnetzes in diesem Land ist man auf private Transportmittel angewiesen. Meistens kommen wir mit marschrutkas (wieder geklaut!) ganz gut von A nach B: Das sind Minibusse, die losfahren, wenn sie voll sind. Doch an einem Tag wie heute, als partout kein Minibus nach Nukus fahren wollte, ist man kurz vorm Verzweifeln und wuenscht sich in ein Land mit funktionierendem Bussystem. Noch dazu schien keiner in der Stadt zu wissen, von welchem Standort aus nun Fahrzeuge in unsere gewuenschte Richtung fahren, mit dem Ergebnis, dass wir 2h kreuz und quer durch die Stadt geschickt wurden, dabei unser Geld fuer die oertlichen marschrutkas verschwendeten und schon gar nicht mehr nach Nukus wollten. Irgendwie haben wir es doch hierher geschafft, aber um ueberteuerte Taxis kamen wir dabei nicht herum und direkt war die Fahrt auch nicht. Eigentlich sind wir auch nur wegen eines Kunstmuseums bis hierher in den aeussersten Westen Uzbekistans gekommen. Hoffentlich ist das den ganzen Aerger wert – morgen werden wir es wissen. Und danach gehts im Nachtzug (hoffentlich mit zwei Betten fuer uns!) zurueck nach Taschkent und dann raus aus Uzbekistan. Nur haben wir fuer Kasachstan noch kein Visum, was uns ein paar Tage des Wartens in Taschkent einbringen koennte. Oder ein paar Dollar Bestechungsgeld, um den ganzen Prozess zu beschleunigen.

Das bringt mich noch zu einem letzten, kuriosen Punkt in der Kategorie “Was mit diesem Land nicht stimmt”: Geld. Preise gibts hier generell nur in Tausendern. Fuer ein paar Hundert Sum bekommt man hoechstens ein Glas Mineralwasser aus einem Automaten auf der Strasse, der von einer Frau bedient wird. Was in den Tausenden beginnt, geht natuerlich auch schnell in die Zehn- und Hunderttausende. Was ja eigentlich kein Problem ist, sowas kennt man ja aus Laendern wie Italien (frueher zumindest) und nennt es Inflation. Das Problematische am Sum ist allerdings, dass die hoechste Banknote 1000 Sum betraegt, was in etwa 50 Cent entspricht. Versuch mal, fuer einen Fernseher mit 50 Cent-Stuecken zu bezahlen! Das Portemonnaie hat in Uzbekistan ausgedient, stattdessen wird das Geld hier, ordentlich in Stapeln nach Zehntausenden mit Gummibaendchen gebuendelt, in Plastiktueten herumgetragen. Wenn man ein Zugticket kauft, muss man am Schalter schon ein paar Minuten extra einplanen, um die korrekte Summe im 5-stelligen Bereich abzuzaehlen. Am meisten macht aber das Geld tauschen auf dem Schwarzmarkt Spass, von Dollar in Sum. Der Dollar ist hier eine Art zweite Waehrung und besonders sinnvoll, um Betraege im Millionenbereich fuer Alltagsgegenstaende einfacher wiederzugeben. Und der Dollar ist auch die einzige Waehrung, an die man hier als Tourist rankommt. Leider hat man naemlich ausserhalb von Taschkent noch nichts von Geldautomaten gehoert, aber der Gedanke ist sowieso absurd: Eine Maschine, die Geldbuendel ausspuckt, die wuerde ja die Gesamtflaeche einer Bank einnehmen muessen! Ohne Grahams Visa-Karte und Geldvorschuessen in Dollar (mit horrenten Zinsen!) saessen wir hier schon lange auf dem Trockenen. Die Dollar von der Bank traegt man dann also zum Basaar, denn der offizielle Wechselkurs ist ein Witz. Jeder Basaar hat seine eigene Schwarzgeldtauschabteilung, wo einem Typen mit uebergrossen Tragetaschen schon von weitem Geldbuendel entgegenwedeln. Fuer drei, vier Dollarnoten bekommt man dann drei, vier Buendel Papier mit vielen Nullen drauf. Doch wohin mit dem ganzen Geld, das saemtliche Taschen aus den Naehten sprengt?! Es wird einem ja zum Glueck schnell wieder von Taxifahrern, Hotelbesitzern, Moscheenwaertern und Brotverkaeuferinnen abgenommen.

Genug der Meckerei, vielleicht wird ja doch noch alles gut hier in Uzbekistan. Morgen im Kunstmuseum von Nukus. Gute Nacht!

money

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