September 4, 2009

Mother Russia

Posted in Uncategorized at 6:48 pm by silkroutes

Zwiebeltuerme in Saratov

Volgograd, 2.9.09, 20 Uhr, im Nachtzug

Russland ist ein schoenes Land. Zwar muessen wir auf unserem kurzen Streifzug durch Russland die groessten Highlights, wie Moskau und St. Petersburg, auslassen, doch auch so hat Russland die dringend noetige Abwechslung in die Reise gebracht. Von Kasachstan haben wir, zugegebenermassen, kaum etwas gesehen. Ein einziger Zwischenstopp fuer einen Tag in Turkistan, weil es dort eine alte Moschee mit Mausoleum gibt. Nur konnte deren blaue Kuppel nicht mit den unzaehligen blauen Kuppeln mithalten, die wir in Uzbekistan taeglich gesehen haben. Den Rest Kasachstans (immerhin das neuntgroesste Land der Welt!) haben wir nur aus dem Zugfenster gesehen. Und ausser Wueste und Steppe und ab und zu ein paar Kamelen gabs da ehrlich gesagt nicht viel Erwaehnenswertes. Zwei Tage und zwei Naechte haben wir insgesamt im Zug verbracht, davon noch 3h an der Grenze gewartet (inklusive medizinischer Ueberpruefung von uns beiden Auslaendern; wahrscheinlich haben die Russen Angst, dass wir die Schweinegrippe einschleppen) – und schon waren wir in Russland und in einer anderen Welt. Es ist schon seltsam, dass man nur eine Grenze ueberschreiten muss und sich sofort alles aendert: Von Tenge zu Rubel, von Kasachisch zu Russisch, von flachem Naanbrot zu laibigem Weissbrot, von muslimischen Moscheen zu orthodoxen Kirchen mit Zwiebeltuermen, von heisser Wueste zu mildem Klima mit viel Gruen. Alles eben ein bisschen europaeischer, was einem gar nicht aufgefallen waere, haette man es nicht zwei Monate lang vermisst. Ploetzlich starrt einen keiner mehr an, nur weil man gross und weiss ist. So sehen ja alle hier aus. Und irgendwie englisch. Ich habe so einige Parallelen zwischen Russen und Englaendern entdeckt: Des Mannes bester Freund ist natuerlich der Alkohol. Was dem Englaender sein Pint, ist dem Russen die Flasche Vodka. Abends laeuft mindestens die Haelfte der maennlichen Bevoelkerung ferngesteuert mit Zombieblick durch die Stadt. Ausserdem teilen die beiden Laender ihre Fussballeuphorie. Wenn man erzaehlt, dass man aus Manchester kommt, fliegen die Maenner einem quasi um den Hals (United! Rooney!). Die russischen Frauen teilen mit den Englaenderinnen ihre Vorliebe fuer waghalsig hohe Schuhe, unappetitlich tiefe Ausschnitte und kurze Roecke und Make-up, das an eine Maske grenzt. All dies natuerlich unabhaengig von der Gewichtsklasse. Die Haupteinkaufsstrasse einer jeden Stadt aehnelt einem Laufsteg und ich koennte stundenlang nur starren (und laestern). Nur der Umgangston untereinander ist ein anderer als in England. Die Russen sind eben direkt und nehmen kein Blatt vor den Mund. Man koennte es auch als ruppig, unhoeflich oder unbeherrscht bezeichnen. Aber wenn man sich erstmal an den Kommandoton und das kategorische “Nein” gewoehnt hat, merkt man, dass sie tief drinnen doch ein gutes Herz haben. Wie meine Zugnachbarin, die uns gerade Birnen und Pfirsiche geschenkt hat.

Um das Ganze mal geographisch ein bisschen systematischer zu gestalten, sei Folgendes erwaehnt: Von Orenburg gleich hinter der kasachischen Grenze (Warum der deutsch klingende Name? Keine Ahnung! Dem Lonely Planet ist diese sympatische Grossstadt noch nicht mal eine Erwaehnung wert.) ging es per Nachtzug weiter nach Samara. Dort beeindruckten uns vor allem die horrenten Hotelpreise, die mit sowjetischem Standard (Moebel aus Gagarins Zeiten) und fehlendem Service (“Was? Sie wollen Ihr Gepaeck bis heute Abend hier aufbewahren?! Dafuer muessen Sie ein Zimmer mieten. Das macht dann 398 Rubel.”) einhergehen. Dafuer bekommt man aber einen ostseemaessigen Sandstrand entlang der Volga geboten. Die Volga ist maechtig und fliesst gemaechlich vor sich hin und laedt zu Bootsfahrten ein. Da wir leider keinen Platz auf einem Kreuzschiff ergattern konnten (das war Plan A), begnuegten wir uns mit einem nicht minder vergnueglichen Tagesausflug auf der Volga, der uns in ein verschlafenes Dorf fuehrte. Mit dem Nachtzug ging es dann weiter flussabwaerts nach Saratov, wo Juri Gagarin das Fliegen lernte. Heutzutage ist die Innenstadt nicht mehr von einer westeuropaeischen zu unterscheiden. Die Preise auch nicht. Dafuer gibt es Geldautomaten an jeder Ecke und man kann mit Plastikkarten bezahlen – Dinge, die man erst zu schaetzen weiss, wenn man mal zwei Wochen in Uzbekistan verbracht hat. Von Saratov gings wieder mit dem Nachtzug weiter nach Volgograd. Der aufmerksame Leser fragt sich jetzt wahrscheinlich: Wenn die nie in einem Hotel schlafen, waschen die sich dann ueberhaupt mal? Genau das ging mir heute morgen auch durch den Kopf, an Tag Nr. 3 ohne Dusche. Zum Glueck kann man heutzutage auf Bahnhoefen sogar Duschen kaufen – fuer schlappe 3 Euro pro Person. Sauber und erfrischt stuerzten wir uns dann in einen Tag voller historischer Lektionen. Volgograd heisst naemlich erst seit den 60er Jahren so, vorher hiess es Stalingrad. Und der Geschichte dieser kriegsgebeutelten Stadt kann man wahrhaftig nicht entgehen. Die Stadt wurde in der Schlacht um Stalingrad natuerlich voellig zerstoert und ist heute ein Musterbeispiel fuer sowjetische Architektur. An die fuer die Russische Armee erfolgreiche Schlacht erinnern ein Museum und ein beeindruckendes Monument (die glorreiche “Mutter Russland” auf einem Huegel ueber der Volga), das zum Mekka fuer jeden russischen Staatsbuerger geworden ist. Aber nicht minder unvergessen ist in Russland Juri Gagarin und alles, was mit dem Kosmos zusammenhaengt. So kam Graham heute zu seinem allerersten Planetariumsbesuch. Das kann ein DDR-Kind natuerlich nicht aus den Latschen kippen, aber es war doch ein willkommenes Nickerchen im Dunkeln (war eh alles auf Russisch und somit unverstaendlich).

Was folgt ist natuerlich eine weitere Fahrt im Nachtzug (waehrend ich schreibe). Nachtzuege sind fantastisch, um Hotelkosten zu vermeiden und das meiste aus den Tagen herauszuholen, da man ja keine Wachzeit mit Reisen verplempert. Morgen gehts schon wieder raus aus Russland und rein in die Ukraine. Wenn alles nach Plan verlaeuft, dann mit dem Boot direkt auf die Insel Krim.

P.S. Gestern war der 1. September und das ist immer noch der 1. Schultag fuer alle russischen Kinder. Die kleinen Maedchen tragen weisse Rueschchenkleider und weisse Schleifen im Haar, die so gross wie ihr Kopf sind. Ganz Saratov war ein weisses Schleifenmeer. Sehr huebsch.
Lada-Liebe

Lada-Liebe

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